1. Das Problem: Der erste Wintino geriet zum Sirup
Bei einem Dezemberabend mit Freunden stand ein Topf Rotwein auf dem Herd, dazu Zimt, Nelken und Orangenschale. Nach zwanzig Minuten roch die Küche nach Weihnachtsmarkt, doch der erste Schluck war klebrig süß und im Abgang bitter. Niemand sagte etwas Böses, aber die Gläser blieben halb voll. Der Fehler lag nicht am Rezept allein: Zucker, Hitze und Ziehzeit hatten sich gegenseitig verstärkt. Genau dort beginnt das Problem, das viele mit wintino erleben – der winterliche Rotwein-Aperitif wird zu schwer, weil er wie Glühwein behandelt wird.
2. Die Ursache: Zucker verdeckt Säure, Hitze zieht Bitterstoffe
Rotwein bringt von sich aus Säure und Tannine mit. Wer früh viel Honig oder Zucker zugibt, maskiert die Säure; der Wein wirkt flach und süß. Gleichzeitig lösen Gewürze bei Temperaturen über 80 Grad Celsius schnell Bitterstoffe. Nelken und Zimt sind besonders empfindlich: Sie geben in den ersten Minuten Aroma, danach vor allem Adstringenz. Ein weiterer Effekt ist der Alkohol: Kocht der Ansatz, verdampft Ethanol, der Geschmack kippt ins Verwaschene. So entsteht ein Getränk, das süß startet und bitter endet – kein Gleichgewicht, sondern eine Aneinanderreihung von Korrekturen.
3. Die Lösung: In Stufen würzen und die Temperatur begrenzen
- Temperatur: Den Ansatz nur auf 65 bis 70 Grad Celsius erhitzen. Ein Küchenthermometer ist hier nützlicher als das Auge.
- Gewürze: Zimt und Nelken zunächst knapp dosieren und nach 15 Minuten probieren. Lieber später nachlegen als bitter werden lassen.
- Säure: Orangensaft oder einen Spritzer Zitrone erst am Ende zugeben. So bleibt die Frische erhalten.
- Süße: Honig oder Sirup zuletzt einrühren, teelöffelweise. Der Wein soll getragen, nicht überdeckt werden.
4. Das Rezept: Mengen für einen Liter Wintino
- 750 ml kräftiger Rotwein, etwa ein junger Spätburgunder oder Zweigelt
- 150 ml frisch gepresster Orangensaft
- 1 Zimtstange, 2 Nelken, 1 Sternanis
- 1 EL Honig, optional 1 TL Orangenmarmelade
- Abrieb einer halben Bio-Orange
Wein, Orangensaft und Gewürze langsam auf 70 Grad erwärmen, 15 Minuten ziehen lassen, dann Honig und Orangenabrieb einrühren. Vor dem Servieren durch ein Sieb gießen und in vorgewärmte Gläser füllen. Wer die Gewürzmischung nicht selbst zusammenstellen will, kann sich an wintino orientieren und die Basis anschließend zu Hause nur noch verdünnen.
5. Der Unterschied zum Glühwein
Wintino ist kein Glühwein mit anderem Etikett. Er bleibt näher am Wein: weniger Zucker, mehr Säure, ein klarer Aperitif-Charakter. Deshalb passt er zu salzigen Snacks, Pilzcrostini oder einem Stück Hartkäse besser als zu Lebkuchen. Wer ihn serviert, sollte kleine Gläser wählen und den Alkohol respektieren. Der Test am Ende bleibt einfach: Ein zweiter Schluck muss Lust auf einen dritten machen – nicht das Verlangen nach Wasser.